1. Wie alles seinen Anfang nahm

„Verflucht! Verflucht seiest du! Mögest du so lange inmitten dieses Scheißkrams – wie du es nennst – leben, bis du ihn endlich begriffen hast!“

Er fasste das einfach nicht. Mit erhobenen Armen, den Zeigestock wie einen Zauberstab haltend, stand seine Lehrerin vor ihm. Bedrohlich wuchs sie in die Höhe und in die Breite, nahm bald sein gesamtes Gesichtsfeld ein. Er wischte mit den Zeigefingern über die Brillengläser, wie er es immer machte, wenn er meinte, etwas falsch zu sehen. Aber der Kopf entschwand weiter in lichte Höhen. Nach einer Weile beugte derselbe Kopf sich wieder zu ihm herab, nahm eine phänomenale Größe an und blieb unmittelbar über ihm hängen. Der bedrohliche Ausdruck auf dem Gesicht seiner Lehrerin wich während dieser Annäherung immer mehr Erstaunen – fassungslosem Erstaunen. Etwas näherte sich ihm von hinten. Er wollte sich instinktiv umdrehen. Merkte aber, dass das nicht nötig war. Er sah auch so, was hinter ihm geschah. Riesige Rohre – hautfarben und mit leichten Knicken – kamen auf ihn zu. Er wollte sich bücken. Aber es ging nicht. Jetzt verstand er, was das war – die Hand von Frau Hoffmann, seiner Lehrerin. Wie in einem schrecklichen Traum konnte er ihr nicht ausweichen, stand unbeweglich da. Sein Herz konnte sich nicht entscheiden, ob es zum Hals herausspringen oder lieber den Brustkasten sprengen wollte. Die Hand strich unmittelbar über ihn hinweg. Erst kam der Daumen, dann verdunkelten die Finger für ein Weilchen die Welt. Die Finger strichen hin und her. Aber er spürte nicht das Geringste davon, hörte auch  nichts, sah nur, wie ein Finger nach dem anderen ihn vollkommen abdunkelte, etwas Dämmerlicht durchließ und wieder alles verdunkelte.

Er musste in Ohnmacht gefallen sein. Und das hier träumte er nur. Oder er war noch gar nicht in der Schule und seine unerledigten Hausaufgaben bescherten ihm Alpträume.


Fassungslosigkeit machte sich in ihrem Kopf breit, unterdrückte für einen Moment jeden anderen Gedanken. Worte gellten in ihren Ohren. Hatte sie diesen Fluch getan? Wo war Ingo, wo war er hin? Er konnte sich doch nicht in Luft auflösen? Oder konnte er doch? Sollte sie glauben, was sie da grad gesehen hatte?

Wer hatte den Fluch gesprochen? Doch nicht wirklich sie selber? Aber wer dann, wenn nicht sie?

Sie beugte sich über den Hefter mit den Arbeitsblättern, wo ein winziges Wölkchen sich auflöste. Jetzt merkt sie, dass sie die Arme immer noch nach oben hielt. So was Albernes!

Hatte sie wirklich diesen Fluch gesprochen? Sie doch nicht! Andere Kollegen schrien. Aber sie doch nicht!

Sollte Ingo… Sie strich über das Papier. Wieder. Und wieder. Nichts.
Er war weg.

Was hatte sie getan? Oder war sie wahninnig geworden? War passiert, was man Kindern so gerne vorwarf: Hatte er sie in den Wahnsinn getrieben?

Wo war er?! Ihre Gedanken verwirrten sich. Sie geriet in Panik. Sie durfte ihn jetzt nicht allein lassen.

„Verflucht, ich muss ihm helfen.“ Diesen Satz vor sich hinmurmelnd versuchte sie, sich zu konzentrieren.

Der Zauberstab fiel zu Boden. Mit beiden Händen versuchte sie, das Karussell in ihrem Kopf anzuhalten. Eine Tür öffnete sich in ihrem Hirn. Dahinter lag ein schwarzer Raum. Sie betrat ihn und blieb stehen, um ihre Augen zu adaptieren.


„Mutti?“ Erdmute steckte ihren Kopf durch die Tür des leeren Klassenzimmers. Die Stühle waren hochgestellt. Auf dem Lehrertisch lag ein Hefter.

Und sie sah, wie der Zeigestock ihrer Mutter zu Boden ging. War da über dem Hefter ein kleines Rauchwölkchen? Quatsch, das musste sie sich wohl eingebildet haben.

Nachdenklich hob sie den Zeigestock auf. Was hier wohl geschehen war?

Ihre Mutter wollte sich nach dem Unterricht hier mit Ingo treffen. Er hatte es ihr in der großen Pause gesagt. Wollte aber nicht weiter drüber sprechen. Das fand sie nur fair. Es war auch so schon schlimm genug, die eigene Mutter als Lehrerin an der Schule zu haben.

Und sie würde sich auf gar keinen Fall von Ingo trennen. Sie war nicht dafür verantwortlich, dass Ingo seine Hausaufgaben machte. Sie fand ihn einfach nur süß, auch wenn es ihr manchmal peinlich vor den anderen Mädchen war, mit ihm zu gehen. Er gehörte nun mal nicht zu dem Typ Jungs, auf den Mädchen flogen.

Ihre Mutter hatte schon öfter mit ihr ein ernsthaftes Wörtchen über Ingo geredet. Sie sollte ihn „positiv beeinflussen“. Und Ingos Mutter redete auch schon so geschwollen daher. Aber Erdmute sah nicht ein, dass sie sich vor Ingo zum Streber machen sollte. Immerhin tat sie selber auch nichts für ihre guten Zensuren. Na ja, okay, sie machte ihre schriftlichen Hausaufgaben. Und sie passte im Unterricht auf, wenn es nicht gar zu langweilig war. Das war aber auch alles.

Und sie hatte Angst, Ingo zu verlieren, wenn sie ihm auch noch damit käme, dass er endlich was für die Schule tun sollte.

Frau Bennewitz-Pausnach, die Putzfrau, schaute zur Tür herein: „Ach, ist deine Mutter doch schon weg? Ich hab gar nicht gesehen, wie sie rausgekommen ist. Sie wollte mir doch Bescheid geben, wenn sie fertig ist.“ Kopfschüttelnd verschwand sie im Flur, um ihre Utensilien zu holen.

Das war alles so unklar. Erdmute hatte ihre Mutter eben noch laut, sehr laut und sehr deutlich aus diesem Raum gehört. Auch Ingo war nicht da. Sein Hefter schon. Nun, das hatte weniger zu bedeuten bei seiner Vergesslichkeit. Und wie hatte sie den Zeigestock beim Fallen sehen könne, wenn gar keiner im Zimmer war?! Das grenzte doch alles an Zauberei!

Sei nahm den Stock in die Hand und besah ihn von allen Seiten: „Verflucht noch mal, ich will jetzt wissen, was hier los ist!“

Mit diesen Worten verschwand Erdmute. Für eine halbe Sekunde stand ein Rauchwölkchen über dem Hefter mit den Arbeitsblättern.


Aber die Putzfrau kam zu spät, um das sehen zu können. Nur den herunterfallenden Zauberstab, den sah sie noch. Kopfschüttelnd hob sie ihn auf.

„Verflucht noch mal, kann denn hier keiner Ordnung halten?!“

Damit verschwand auch sie.

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